Donnerstag, 7. Juni 2012

Gelesen: Rücken an Rücken

Und wer wohl
ist Richter
über uns?
Und ihr, die ihr
uns seht,
vergesst nicht,
wir lieben uns.
(Franck, Julia: Rücken an Rücken. Frankfurt a. M.: S. Fischer. S. 373)


Julia Franck hat nach ihrem preisgekrönten Buch "Die Mittagsfrau", das mir sehr gut gefallen hat, mit "Rücken an Rücken" einen so genannten DDR-Roman geschrieben, in den sie Teile ihrer eigenen Familiengeschichte flicht. 
Das Buch wird für mich durch dieses Aufgreifen von authentischen Materialien (Gedichte ihres Onkels) und das Anlehnen an ein wahres Schicksal, umso bedeutender und lesenswerter.




Die Geschwister Ella und Thomas wachsen im Ost-Berlin der fünfziger Jahre auf. Ihre alleinerziehende Mutter, begeistert von der sozialistischen Idee, widmet sich ausschließlich ihrer Kunst; ihre Kinder hingegen nimmt sie kaum war, ja, vernachlässigt sie völlig.
Zur Begrüßung gab es kein Hallo und kein Wie geht's, Käthe war empört. Sind wir im Kindergarten? Das ist ein Staatsauftrag, eine wichtige Arbeit! Respektiert ihr mich nicht? Nur weil ein fast erwachsenes Kind krank ist, kann ich dort doch nicht alles stehen und liegen lassen. Was fällt dir ein, dem Direktor ein Telegramm zu schicken? Sie schnaubte. Bin ich Mutter von Beruf? (S. 230)

Aber nicht nur die familiäre Situation macht Ella und Thomas auf jeweils ihre Art zu schaffen. Auch Fragen und Zweifel am DDR-System, vor allem dem Mauerbau, kommen bei Thomas auf.
Vielleicht gab es eine Lösung, die ein Onkel aus Amerika sehen konnte, während man hier, aus dem Innern der Mauer, so hoch, wie sie war, kaum noch die Sterne erkannte. Thomas' Entwürfe begannen stets mit Fragesätzen. Nicht etwa nach seinem Befinden. Sondern solchen, die zu Klagen gerieten: Warum sieht die Welt uns zu? So lautete einer dieser Sätze. Wie könnt ihr da draußen vorbeigehen und uns dabei zuschauen, wie wir auf- und abgehen am Gitter unseres sozialistischen Traumes? (S. 285)

Vor allem Thomas ist in seiner Rolle als Käthes Sohn, für den sie genaue Zukunfts- und Berufspläne hat, einerseits und als junger Mensch mit eigenen Wünschen (-> Journalismusstudium) andererseits hin- und hergerissen.
Thomas liebte Käthe, aber sie konnten nicht miteinander sprechen. In Käthes Augen war er ein begabter Junge; er durfte ihr Armreife aus Messing schmieden, Ringe von Liebenden, einen silbrigen Gürtel, den sie stolz wie einen Keuschheitsgürtel trug. Er durfte seine Gedichte schreiben, er sollte Geologie studieren, auch Modell sitzen sollte er, weil er so schön war. Von ihr aus könnte er Chemie, Physik, Medizin studieren, was immer er wollte, eines Tages; vielleicht. Nicht aber Journalismus, wo es kein freies Wort, geschweige denn eine freie Nachricht gab. (S. 182)

Doch dann lernt er Marie kennen und verliebt sich in sie.
Sie legte den Kopf schief. Komm, sie streckte die Hand nach ihm aus. Noch nie hatte jemand die Hand nach ihm ausgestreckt, einfach so, damit er sie ergreifen, damit er ein Stück Weg mit ihr gehen würde. Jetzt ging er. Ihre Hände lagen ineinander. (S. 271)

Die beiden Geschwister stehen in ihrem Alltag mit und ohne Käthe jahrelang Rücken an Rücken. Doch letztendlich werden sie unterschiedliche Entscheidungen treffen, separate Schicksale erleiden, auch getrennte Wege gehen?


Sie kennen dich nicht gut, sie wissen nicht, dass du hier bist und wir miteinander sprechen. 
(S. 381)



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